Wir stehen um den Tisch herum und niemand – wirklich niemand – bekommt die Flasche mit dem leider wenig funktionalen Werbe-Kronkorkenöffner auf. Annabelle von Reutern kommt an unseren Tisch, wir versuchen es weiter – keine Chance. Wir lachen, reden über dieses charmante Designfail, und plötzlich sind wir mitten im Gespräch. Kein Glanzmoment für den Öffner – aber symbolisch für die zwei Tage vor Ort. Nahbare Teilnehmer*innen, entspannte Stimmung und der Wunsch nach aufrichtiger Kommunikation.
Carmen und ich sind auf der Construction Love in Essen auf der Zeche Zollverein und haben uns farblich – das muss man zugeben – perfekt in unser Raster eingeordnet. Es gibt drei Gruppen: die Architekt*innen erkennt man am schwarzen Rolli, die Handwerker*innen tragen Jeans und T-Shirts oder Zunftkleidung. Und die Kommunikationsleute – Marketingmenschen und Fachpresse – kommen klassisch, aber mit buntem Farbtupfer. Da ist mein lilafarbener Mantel gar kein so individuelles Statement mehr. Ist aber total egal, denn dieser zusammengewürfelte Haufen hat viel Wichtigeres zu besprechen.
Abriss ist over – und was das mit Baukommunikation zu tun hat
Manchmal merkt man erst im Nachhinein, wie sich ein roter Faden durch eine Veranstaltung zieht. „Abriss ist over“ (Keynote von Annabelle von Reutern). Dieser Satz ist mir besonders hängen geblieben. Und zwar als echtes Thema, das sich durch viele Gespräche gezogen hat – von der Bühne bis zum Speeddating.
Warum abreißen, wenn das, was da ist, weiter genutzt werden kann?
Annabelle von Reutern, TOMAS
Annabelle, Architektin und Mitgründerin von TOMAS – Transformation of Material and Space, beschäftigt sich genau damit: Bestand erhalten, weiterdenken, kreislaufgerecht bauen. Eine Bauweise, die Materialien im Kreislauf hält und von Anfang an so geplant, dass Rückbau und Wiederverwendung möglich sind. Gebäude als Materiallager begreifen – das ist einer der zentralen Ansätze der zirkulären Bauweise und des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Und sie bringt es auf den Punkt: Warum abreißen, wenn das, was da ist, weiter genutzt werden kann?
Und genauso wie Materialien im Kreislauf gehalten werden können, müssen auch Wissen, Ideen und Entscheidungen frühzeitig in den richtigen Bahnen zirkulieren. Warum arbeiten Architekt*innen, Planer*innen und Handwerker*innen oft noch isoliert voneinander? Warum wird erst geplant – und dann gefragt, ob es umsetzbar ist? Baukommunikation kann genau hier ansetzen, indem sie Verbindungen schafft, Synergien fördert und Ressourcen bewahrt – nicht nur in Form von Baumaterial, sondern auch in Form von Wissen und Zeit. Wer früh miteinander spricht, spart nicht nur Material, sondern auch Nerven.
Speeddating für die Bauwende
Und genau darum ging es auch im Speeddating: Fünf Themeninseln, eine Stunde fröhliches Rotieren. Fachpresse, Influencer*innen, Architekt*innen, Industrie – ein bunter Mix. Ich spreche mit Saskja Jagenteufel (hej.build GmbH), die lieber über Architektur redet, als dass sie sie baut (Zitat), dann mit Jens Meyerling, der gerne über Architektur schreibt und mit Thorsten Schmidt (EUROBAUSTOFF), der mir erzählt, wie wichtig Printmedien – nach wie vor – für die Kommunikation sind. Und das sind nur drei von bestimmt 10 guten Gesprächen.
Die Construction Love hat gezeigt: Die richtigen Leute sind längst da – sie müssen nur miteinander reden. Denn am Ende geht es nicht nur um Architektur, Handwerk oder Bauprodukte, sondern darum, wie wir die Gewerke und die Menschen miteinander verbinden. Und auch wenn wir die Currywurst verpasst haben (die Führung durch die Zeche hatte ihren Preis ;-), die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Danke Brandrevier für das bleibende Gefühl: Es bewegt sich gerade wirklich etwas.